Havel-Herbst

Die Tage werden wieder kürzer, die Nächte länger und die Wassertemperatur sinkt immer weiter. Das Leben im Fluss verändert sich und die Fische sind nun in tieferen Bereichen anzutreffen. Doch wo in einem kaum überschaubaren Flusssystem fängt man an den Karpfen nachzustellen? Etliche Kanten, Muschelbänke, Seerosen, Löcher und Schilfkanten laden zum Fischen ein. Doch in welcher Ecke stecken die nur wenigen großen Karpfen? Diese Frage zu beantworten ist hier in der Havel bei Brandenburg schier unmöglich.



So gleicht jeder Ansitz, jede Stelle auf‘s Neue einem Lottospiel. Dennoch wollte ich mein Glück versuchen und schaute mir für dieses Vorhaben eine kleine unscheinbare Stelle aus, welche aber unter der Wasseroberfläche eine beachtliche Struktur aufwies. In Wurfweite verlief eine steile Kante, von 3m auf 7m, die sich unweit eines riesigen Schilfgürtels in Ufernähe entlangzieht.



Vier Tage vor Beginn des ersten Ansitzes fütterte ich bereits pro Tag ca. 3-5kg Scottish Niggard und den VIP Fish Boilie von Gorilla Baits sehr großflächig mit dem Wurfrohr. In der Hoffnung, dass die Karpfen, auch wenn nur kurz, auf den Platz aufmerksam zu machen. Denn neben den Karpfen gibt es in der Havel riesige Weißfischschwärme, die solch einen Platz in nur wenigen Minuten leerräumen und somit ist das langfristige halten der Fische an einem Platz eigentlich unmöglich. Die Strategie war es nur Boilies einzubringen, denn das füttern von Partikeln wie Mais, Weizen usw. würde nur unnötige Weißfische auf den Platz ziehen.

Nun stand die besagte Kante vier Tage unter Futter und ich war bereit den ersten Ansitz zu wagen. Ohne mir überhaupt große Hoffnung zu machen, wurden die Ruten auf den Spot mit extra hart getrockneten 24mm Hakenködern ausgeworfen und die Bissanzeiger scharf gestellt. Wieder wurden gut 2kg Boilies mit dem Wurfrohr auf der Kante verteilt. Nach ca. drei Stunden die ersten zögerlichen Pieper und es folgten leider die ersten Brassen. Sogar die steinharten 24er Hakenköder wurden solange von den Weißfischen bearbeitet, bis sie ins Maul passten. Also musste ich beide Ruten wieder neu beködern und raus bringen, in der Hoffnung die zweite Nachthälfte etwas beruhigter schlafen zu können. Gerade als die Augen schwerer wurden kam der erste Lauf. Ungläubig schnappte ich mir die Rute und merkte sofort dass es keine Killerbrasse ist. Ein paar Minuten später glitt ein Spiegler mit gut 10kg in den Kescher. Der Plan ging auf und ich war wirklich überrascht und gleichzeitig total happy.



Voller Motivation war ich nun bereit für die nächsten Nächte und hoffte innerlich auf einen von den alten Fischen. Zwar konnte ich in den folgenden Nächten immer ein bis zwei Fischkontakte herstellen, doch waren diese alle so 8-12kg, welche vor einigen Jahren mal besetzt wurden und scheinbar prächtig abwuchsen. Doch wie komm‘ ich jetzt an die Dicken? Ich entschloss mich in meiner Arbeitswoche diesen Platz weiterhin unter Futter zu halten und dann nochmals anzugreifen.







Diese Entscheidung stellte sich, im wahrsten Sinne des Wortes, als goldrichtig heraus. Denn ich konnte nun in der ersten Nacht, nach der kleinen Pause, einen wirklich goldigen makellosen 17 kg Schuppi verhaften und hatte somit nicht nur den ersehnten alten Fisch, sondern auch noch einen der wirklich wenigen Schuppenkarpfen aus Havel fangen können.



Welch ein Moment, welch eine Kampfkraft, was für ein geiler Fisch! Solche Fische sind der Lohn für die viele Zeit und den Aufwand den man betreibt und wenn man sie dann in den Händen hält, ist alles was war vergessen. In diesem Sinne geht es jetzt wieder ans Wasser mit meinen Gorilla-Baits und vielleicht hält der Fluss heute Nacht wieder eine Überraschung für mich bereit.
Euer Philipp Stranz